Mori Ōgai im Licht der Gegenwart

Folgen 1–6 des Feature in der Tageszeitung Mainichi (April–September 2019)

© Mori-Ōgai-Gedenkmuseum, Tokyo, und Mainichi shinbun

Mori Ōgai im Licht der Gegenwart (Ima yomigaeru Mori Ōgai), das monatlich erscheinende Feature der Mainichi shinbun, wird von einem Beitrag der Lyrikerin Itō Hiromi eröffnet, der sich den in Deutschland spielenden Novellen zuwendet: Die Tänzerin (Maihime, 1890), Wellenschaum (Utakata no ki, 1890) und Der Bote (Fumizukai, 1891). Itō nimmt die weiblichen Protagonistinnen, ihre soziale Lage und persönliche Entwicklung als Ausgangspunkt, um das Frauenbild des Schriftstellers herauszuarbeiten. Sie zeigt, dass nicht nur die Darstellung der Figuren viel über das Verhältnis Ōgais gegenüber Frauen preisgibt, sondern auch andere Schriften die bemerkenswerte Aktualität seiner Ansichten offenbaren. So fasst sie eine 1896 publizierte Antwort auf die Bemerkungen Uchida Roans über Literatur von Frauen wie folgt zusammen:

Wenn Sie Schriftstellerinnen vorschreiben wollen, was sie zu schreiben haben, weil sie Frauen sind, dann können sie nicht mehr so schreiben, wie es zu ihnen passt. Bei langweiligen Büchern ist es mir gleichgültig, ob sie von einer Frau oder einem Mann geschrieben wurden [...] Gute Bücher nenne ich gut. Ob sie von einem männlichem oder weiblichen Autor stammen, ist eine überflüssige Frage. Schlechte Bücher nenne ich schlecht. Da ist es genauso. Schriftstellerinnen! Ich warte auf euch. Ich warte mit dem gleichen Respekt, den ich auch männlichen Schriftstellern entgegenbringe.

Ōgais Ansichten in Itō Hiromis Worten, Übers. Nora Bartels.

Nicht nur der Schriftsteller Ōgai, auch der Historiker, der mit dem bürgerlichen Namen Mori Rintarō zeichnete, wird beleuchtet. Inose Naoki, Publizist und Politiker, schreibt im Mai-Artikel der Serie zu einer der letzten Arbeiten, die Studie über die Ära-Namen (Gengō kō, 1921). Er sieht die große Bedeutung, die Ōgai seiner Forschung über die bei Herrscherwechsel festgelegten Regierungsdevisen zuteil werden ließ, in dessen Überzeugung, dass ein einzigartiger Äraname für die Autorität einer stabilen Regierung entscheidend sei. Anlass ist die neue Devise vom 1. Mai 2019, die mit der Abdankung des Kaisers Akihito und dem Antritt der Nachfolge durch seinen Sohn Naruhito verkündet wurde. Der vieldiskutierte Name, Reiwa (in offizieller Übertragung “schöne Harmonie”), wurde erstmals verwendet und enthält mit (rei) ein bisher nicht verwendetes Zeichen. Inose erkennt darin, dass die Prinzipien, die Ōgai bei seiner Arbeit aufgestellt hat, bis heute Wirkung zeigen.

Die bekannten Deutschland-Novellen werden auch in der dritten Folge der Reihe von Hirano Keiichirō aufgegriffen, der ebenfalls die Frauenrollen erwähnt, aber auch die männliche Hauptfigur der Erzählung Die Tänzerin thematisiert. Er sieht in dem Protagonisten eine durch Erwartungen der Familie und gesellschaftliche Bedingungen in seiner Entscheidungsfreiheit enorm eingeschränkte Person, wie, so mutmaßt er, sich auch Ōgai selbst gefühlt haben muss. Die Schriftstellerin und buddhistische Nonne Setouchi Jakuchō hebt ebenfalls Die Tänzerin als stilistisch brilliant hervor, nennt jedoch Die Wildgans (Gan, 1911-1913) als das Werk, das sie aufgrund der feinfühligen Figurenbeschreibung für am besten gelungen hält. In ihrem Beitrag beschreibt sie darüber hinaus ihre Empfindungen während ihrer Begegnungen mit Ōgais Literatur und bei Besuchen seines Grabes und von literarischen Schauplätzen.

Sawada Tōko erläutert, wie Mori in den letzten Jahren seines Lebens als Generaldirektor der Kaiserlichen Museen die Bestände systematisch erfasste und in Ueno eine neue, nun chronologisch geordnete Ausstellung der Kunstobjekte kuratierte. Das Museum in Ueno, das zuvor nur spärlich besucht worden war, gewann dadurch große öffentliche Aufmerksamkeit. Die Gedichtsammlung Fünfzig Gedichte aus Nara (Nara gojū shu, 1922) zeugt von seinen jährlichen Besuchen des dortigen Kaiserlichen Schatzhauses (das heutige Weltkulturerbe Shōsōin) und unterstreicht, wie wichtig es ihm war, Gelehrten den Zugang zu den kostbaren Exponaten zu ermöglichen.

Hiramatsu Yōko deckt im sechsten Beitrag der Serie auf, wie weitreichend und voraus­schauend sich der Hygieniker Mori mit Fragen des öffentlichen Gesundheitswesens befasst hat. Anhand eines wissenschaftlichen Aufsatzes, der die Vor- und Nachteile japanischer Geta-Sandalen denen westlichen Schuhwerks gegenüberstellt, exemplifiziert sie sein Bestreben, möglichst breiten Bevölkerungsschichten neueste Hygienekenntnisse zu vermitteln. Auch heute, da die Frage, ob Absatzschuhe für Frauen im Beruf vorgeschrieben sein dürfen, in Japan in den Medien ist, liest sich dieser Aufsatz mit Gewinn.

Zitierhinweis - Nora Bartels: “Mori Ōgai im Licht der Gegenwart. Folgen 1–6 des Features der Tages­zeitung Mainichi (April - September 2019)”, Digitales Ogai Portal, hg. v. Harald Salomon. Mori-Ōgai-Gedenkstätte der Humboldt-Universität zu Berlin. 15. Dezember 2020. https://www.ogai.hu-berlin.de/bildung-mainichi_1.html

Übersicht der Artikel April–September 2019

(1) Itō Hiromi 伊藤比呂美 [Lyrikerin]
“#Me Too yori hayaku: Josei o rikai-shi hagemasu” #Me Tooより早く: 女性を理解し励ます (Lang vor #Me Too: [Ōgai hat] Frauen verstanden und gefördert), Mainichi shinbun 毎日新聞 (Mainichi-Tageszeitung), 13. April 2019.
Behandelte Werke: Die Tänzerin (Maihime, 1890), Wellenschaum (Utakata no ki, 1890), Der Bote (Fumizukai, 1891).

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(2) Inose Naoki 猪瀬直樹 [Publizist und Politiker]
“Yasubushin no tenshukaku ni kin no shachi: Kaigen e no tsūsetsu na omoi” 安普請の天守閣に金の鯱: 改元への痛切な思い (Goldener Tigerkarpfen auf wackeligem Burgfried: Tiefgründige Gedanken zum Wechsel des Äranamens), Mainichi shinbun 毎日新聞 (Mainichi-Tageszeitung), 11. Mai 2019.
Behandelte Werke: Studie über die Ära-Namen (Gengô-kô, 1921).

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(3) Hirano Keiichirō 平野啓一郎 [Schriftsteller]
“‘Shikatanai’ to iu yasashisa: Kojin to kokka, soshite gainen”「仕方ない」という優しさ: 個人と国家、そして諦念 (Die Gnade des “nichts ändern können”: Das Individuum, der Staat und [das Thema] Entsagung), Mainichi shinbun 毎日新聞 (Mainichi-Tageszeitung) 8. Juni 2019.
Behandelte Werke: Die Tänzerin (Maihime, 1890), Wellenschaum (Utakata no ki, 1890), Der Bote (Fumizukai, 1891).

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(4) Setouchi Jakuchō 瀬戸内寂聴 [Schriftstellerin und buddhistische Nonne]
“‘Nani o dō kaite mo yoi’: Kiin takai bunshō ni hikare” 「何をどう書いてもよい」: 気韻高い文章に惹かれ (“Man kann alles schreiben wie man will”: Der Reiz von Texten höchster sprachlicher Eleganz), Mainichi shinbun 毎日新聞 (Mainichi-Tageszeitung), 13. Juli 2019.
Behandelte Werke: Die Wildgans (Gan, 1911-1913).

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(5) Sawada Tōko 澤田瞳子 [Schriftstellerin und Historikerin]
“Gakujutsu no monko hirogeta bannen: Hakubutsukan sōchō toshite” 学術の門戸広げた晩年: 博物館総長として (Im Lebensabend der Wissenschaft zugewandt: [Ōgai] als Generaldirektor der Kaiserlichen Museen), Mainichi shinbun 毎日新聞 (Mainichi-Tageszeitung), 10. August 2019.
Behandelte Werke: Fünfzig Gedichte aus Nara (Nara gojū shu, 1922).

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(6) Hiramatsu Yōko 平松洋子 [Publizistin]
“Eisei kutsu o tsukuraseta: Shomin no kenkō o negau” 衛生靴を作らせた: 庶民の健康を願う (Zum Wohl des Volkes: Schuhe nach Hygiene-Prinzipien), Mainichi shinbun 毎日新聞 (Mainichi-Tageszeitung), 14. September 2019.
Behandelte Werke: Schuhe? Geta? (Kutsu? Geta?, 1889).